Heikos Tagebuch

Artikel mit Tag 'Regierung'

Wir verhandeln nicht mit Lobbyisten

Sonntag, 12. September 2010, 19:19 · Keine Kommentare · Politik & Wirtschaft

In der Frankfurter Rundschau vom Wochenende habe ich einen bedenklichen Satz gelesen. In einem Bericht über den Vertrag zwischen Regierung und Atomindustrie und dessen Entstehungsprozess ist hier zu lesen:

Die schwarz-gelbe Regierung reklamiert für sich, im Gegenzug für den Staat wichtige Zugeständnisse herausgeholt zu haben.

Dieser Satz spricht Bände.

Warum muss die Regierung verhandeln, Kompromisse schmieden und Zugeständnisse machen? Nach demokratischem Verständnis sollte eine Regierung Gesetze machen, keinen Kuhhandel mit Unternehmern treiben. Eine Regierung, die in Verhandlungen „Zugeständnisse herausholt“, hat ein sehr merkwürdiges Selbstverständnis. Dieses Selbstverständnis suggeriert ein Verhandeln auf Augenhöhe mit Industrievertretern, die damit zu einer der Regierung ebenbürtigen Macht im Staat geadelt werden. Das ist wirklich ausgesprochen bedenklich.

Fragt die Regierung etwa bei mir an, unter welchen Zugeständnissen ich eventuell bereit wäre, welchen Prozentsatz an Steuern auf mein Einkommen zu zahlen? Wie man mir entgegen kommen müsste, damit ich mich im Gegenzug bereit erklären würde, Mehrwertsteuer zu zahlen und einen Teil meines Einkommens in die Rentenkasse einzubezahlen? Nein, man schreibt es mir vor, und ich habe mich daran zu halten. Warum ist das bei der Industrie plötzlich anders? Der Grundsatz, dass vor dem Gesetz alle gleich sind, scheint hier plötzlich ausgehebelt. Deutlicher kann man dem Wähler kaum sagen, was man von seinem Votum und Wählerauftrag hält.

Ich möchte die Kanzlerin aller Deutschen sein,

diesen (eigentlich widersinnigen, denn was sollte sie sonst sein?) Satz sagte Angela Merkel kurz nach der Wahl. Doch ihr bisheriges Regierungshandeln lässt vor allem darauf schließen, dass sie die Kanzlerin der Industrievertreter und Lobbyisten ist.

„Wir verhandeln nicht mit Terroristen“, hieß einst die Parole aus dem Weißen Haus gegenüber der Terror-Truppe von Al Qaida. Ich würde mir ein „Wir verhandeln nicht mit Lobbyisten“ aus dem Reichstag wünschen. Aber dafür haben wir wohl derzeit die falsche Regierung. Und die voraussichtlich noch gut drei Jahre lang.

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Unfreiwillig wahr

Donnerstag, 17. Juni 2010, 13:05 · Keine Kommentare · Politik & Wirtschaft, Schwere Sprache, Schweres Rechnen

Der entwicklungsbedürftige Minister Dirk Niebel von der FDP hat in einem Interview Sensationelles enthüllt: bei allen Weltmeistertiteln der deutschen Fußballnationalmannschaft hat die FDP mitregiert. Daher, so die Folgerung des Politikers, müssen wir auch dieses Jahr wieder Weltmeister werden. Damit macht er zunächst mal einen klassischen mathematischen Fehler (Cartoon von xkcd):

Nun gut, die FDP und die Mathematik – wer Steuersenkungen fordert, obwohl die Einnahmen sinken, dem ist auf dem Gebiet ja ohnehin nicht allzuviel zuzutrauen.

Niebel bleibt aber in der Fußballmetapher und fügt an: “Ich glaube und hoffe, dass wir so erfolgreich sind, dass wir noch eine Verlängerung hinten dranhängen können.” Ah ja. Im Fußball gibt es ja immer dann eine Verlängerung, wenn es nach der regulären Spielzeit (= Legislaturperiode) kein eindeutiges Ergebnis gibt. Insofern stehen die Chancen leider gut.

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Wulff sagt die Wahrheit – zwischen den Zeilen

Mittwoch, 20. Januar 2010, 12:47 · Keine Kommentare · Politik & Wirtschaft, Schwere Sprache

Der SPIEGEL Nr. 3, 2010Heute morgen im Zug im SPIEGEL das Interview mit Christan Wulff gelesen. Da steckt viel Wahrheit drin, wenn man zwischen den Zeilen liest.

Frage des SPIEGEL:

Sie haben gesagt, dass nach der Steuerschätzung im Mai eine Kommission eingesetzt werden soll, die eine Steuerreform ausarbeitet. [...] Was soll die Kommission leisten?

Antwort von Christian Wulff:

Die Kommission muss in aller Ruhe und vor allem ohne ständige Wasserstandsmeldungen eine Reform erarbeiten. Die Kakophonie in den vergangenen Wochen hat der schwarz-gelben Regierung geschadet. Das Ziel der Union muss sein, bei der nächsten Wahl wieder 40 Prozent plus x zu holen.

Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass Wulff auf die Frage des SPIEGEL eigentlich gar nicht eingeht (in der Schule hieß das früher “Thema verfehlt”) – dass die Kommission eine Reform erarbeiten soll, hat der Interviewer schließlich schon in der Frage angedeutet. Statt dessen lässt sich die Antwort zwischen den Zeilen so dechiffrieren:

Mir doch egal, was die Kommission genau macht, hauptsache, wir bleiben an der Macht.

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